Halle. d. 30n Dec. 55
Mein theurer Freund.
Ich schreibe Ihnen heut in meiner Muttersprache. Denn was ich Ihnen heut zu schreiben habe, dafür habe ich in einer fremden Sprache, keine Worte. – Sie haben mich in Marburg zum letzten Male gesehen, als ich mit schwerem Herzen von einem mir theuer gewordenen Wirkungskreise schied; aber ich hatte ein reiches häusliches Glück, das mich in die neue Heimath begleitete. In dem damals geborenen Sohne, blühte uns eine herrliche Zukunft auf, für deren Eröffnung meine liebe Frau und ich dem Himmel, aus tiefster Seele, dankten.
Hier in Halle, aber, gerade um die Weihnachtszeit erkrankte unser armes Kind und wir pflegten es Tag und Nacht, worauf es zu unsrer größten Freude genas, bis die Hitze es im Sommer von Neuem aufs Krankenlager warf, von dem die treueste Pflege, und die geschickteste ärztliche Hülfe, es nicht zu retten vermochten. Der Tod unseres damals einzigen Kindchens hat seitdem unser Leben mit einer nicht zu überwindenden Trauer durchgezogen, die durch ein 14 monatliches Uebel meiner lieben Frau, von der sie erst etwa vor einem Jahre hergestellt wurde, noch um so schmerzlicher wurde. –
Im August dieses Jahres nun war uns der Seegen zu Theil geworden, wieder einen Sohn zu besitzen. Der Gram um das Verlorene, hofften wir nun, werde sich in dem Anschauen des neugeschenkten Lebens vermindern und wir fingen wieder an, voll freudiger Zuversicht und mit dankerfülltem Herzen in die Zukunft zu blicken. Aber nicht lange währte unser gemeinsames Glück! 17 Tage nach der Geburt des Kindes wurde meine liebe Frau ganz plötzlich vom Schlage getroffen. Ich hatte sie eben noch, zwar angegriffen aber munter, verlassen mit den Worten, dass ich ungern an meine Experimente ginge, weil ich sie dann längere Zeit nicht sehen könne; sie hatte mir darauf selbst zugeredet an die Arbeit zu gehen und mir recht viel Glück dazu gewünscht indem sie noch hinzufügte sie dächte selbst an dem Tage noch recht fleissig zu sein, um ein Geburtstags-Geschenk für meinen Vater zu beenden.
Kaum aber hatte ich das Zimmer verlassen, als ich zurückgerufen wurde. Meine liebe Frau war mitten im frischen glücklichen Leben vom Schlage getroffen worden. Eine halbe Stunde darauf that sie den letzten Athemzug.
Sie können – da Sie mich seit Jahren näher kennengelernt haben – ermessen, wie dieser Verlust mich erschüttert, denn ich empfinde tief und vergesse nicht. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß der Himmel Ihrem Leben die harten Geschicke ersparen möge, die mir in der kurzen Zeit unserer Trennung beschieden gewesen sind. Und doch muß ich noch jetzt sagen, daß das kurze Glück, das ich trotz alledem genossen, selbst durch so namenloses Jammern wie er durch solche Verluste hervorgerufen wird, nicht zu theuer erkauft ist. –
Mir würde aller Lebensmuth entsinken, wenn ich nicht neben meinem Beruf noch einen Trost aus dem Anblick meines Kindes schöpfte, das mir jetzt alles ersetzen soll, was ich verloren habe und auf das ich nun meine ganze Zukunft baue. Möchte mir der Himmel dieses theure Vermächtniß meiner lieben Entschlafenen erhalten!
Es hat mir recht leid gethan, daß wir uns in diesem Sommer nicht, wie ich gehofft hatte, in Paris gesehen haben. Ich hatte mich, so oft ich nach der Ausstellung kam, in der englischen Abtheilung nach Ihnen erkundigt, Ihren Apparat gesehen und Ihr Portrait bei Duboscq mir zeigen laßen. Aber meine Zeit war wegen der Vorlesung, so knapp zugemeßen, daß ich fort mußte, als 3 Wochen abgelaufen waren. Es freute mich zu hören, daß mein Vater wenigstens noch das Vergnügen gehabt hat, Sie zu sehen. – Mein Aufenthalt in Paris ist fast durch Geschäftswege erschöpft worden; ich habe viel gelernt und für die Universitätssammlung bedeutende Erwerbungen gemacht. Da wir gleiche Zwecke hatten, so würde mir der Aufenthalt viel angenehmer gewesen sein, wenn wir zusammen dort gewesen wären.
Mit vielem Interesse habe ich die Abhandlungen, die Sie die Güte gehabt haben, mir durch Prof. Poggendorff zukommen zu laßen, gelesen. Die Trevelyan-Versuche haben durch ihre [Ihre] Untersuchungen eine überraschende Erweiterung bekommen. Die große Arbeit über Magnetismus und Diamagnetismus ist namentlich durch die erschöpfende Vielseitigkeit der Betrachtungen und die Mannigfaltigkeit der Versuche von durchgreifender Bedeutung. Ich habe mich in dieser Zeit viel mit Gedanken an Sie beschäftigt, auch wenn ich nicht eher an Sie geschrieben habe, was namentlich darin seinen Grund hat, daß jeder Brief in dem ich von meinem Unglück schreibe, die blutende Wunde immer von Neuem wieder aufreißt.
Ihr eben erhaltenes theilnehmendes Schreiben, in dem Sie mir, noch ehe ich selbst es Ihnen gemeldet, Ihre Theilnahme an meinem schweren Geschick aussprechen, mahnt mich, meine Zeilen nicht länger zurückzuhalten. Es hat mich innigst gerührt und ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür. Denn das Mitgefühl meiner Freunde thut mir sehr wohl.
Oftmals, und besonders in dieser Zeit, habe ich an die schöne Zeit zurückgedacht, welche wir in Marburg verlebt, auch an die Weihnachtsabende, die wir dort gemeinsam zugebracht haben. – Wie Sie von Prof. Frankland wißen werden, ist das gute Marburg in diesem Jahre vom Nervenfieber schwer heimgesucht. Frau Prof Fick; Syndicus Schotten; Frl. Weihrauch u. A. sind daran gestorben. Frl Mathilde Gerling, stud.[ent] Hüter, Frau Prof. Kürschner sind noch daran krank. So giebt es Leid überall!
Leben Sie recht wohl; haben Sie vielen Dank für Ihren freundlichen Brief und vergessen Sie nicht | Ihren | treuen, tief gebeugten Freund Herm. Knoblauch
Halle (6. Herkerstraße)
Ich bitte mich meinen Freunden allerseits in England bestens zu empfehlen.
Mein Vater, der in diesen Tagen hier war und gestern nach Berlin zurückgekehrt ist, lässt Sie bestens grüßen | K.
Halle, 30th Dec.55
I write to you today in my mother tongue: because that which I have to say to you I have in a strange language no utterance.2 You saw me in Marburg last,3 as with a heavy heart I separated myself from a sphere of action which had become innerly dear to me. But I had at the time a rich household happiness, which accompanied me to my new home. In the son then born to me we saw a blooming future, for the opening of which my dear wife and I thanked heaven from our deepest souls.
Here in Halle however just at Christmas our poor child4 became ill; we tended it [him] day and night and to our great happiness saw it finally cured, until the heat of summer cast it anew upon the bed of sickness, from which the most tender care and the most skilful medicinal aid were unable again to rescue it [him] The death of our only child, introduced a sadness not to be surmounted into our lives; which was rendered more painful by an illness of 14 months of my dear wife from which she only first recovered about a year ago.
In August of the present year we were blessed with the possession of another son;5 the sorrow for the lost one, we hoped now to see diminished in the contemplation of the life newly presented to us and we began again, full of cheerful confidence and with grateful hearts to look into the future. But our common joy did not endure long! 17 days after the birth of the child my beloved wife was struck suddenly by paralysis (plötzlich vom Schlage getroffen).6 I had just left her, weak it is true, still cheerful and lively, with the words that I went reluctantly to my experiments for I could not hope to see her for some time. She counselled me in reply to go, wished me good success, and added that she hoped to be quite active on that day, preparing a birthday present for my father.7
Scarcely had I left the room when I was called back. My beloved wife, in the middle of her fresh and blooming life had been struck down. Half an hour afterwards she drew her last breath.
You who have known me closely for years may estimate how I was shaken by this loss: which I deeply feel and cannot forget. From my whole heart do I wish that heaven may spare your life the hard fate which has become mine since the brief time of our separation. And still I must say even now, that the brief happiness which despite of all I have enjoyed; even by this unspeakable woe which such a loss brings along with it, was not purchased too dearly.
All my life would sink were it not that besides my calling I have still a consolation in the presence of my child, that must now compensate me for all that I have lost, and on which I build my entire future. May heaven leave me this dear memento of the beloved sleeper who is gone.8
I was very sorry that we did not see each other in Paris this summer9 as I had hoped. Every time I went to the exhibition, I asked after you in the English section; I saw your apparatus and had Duboscq’s portrait10 of you shown to me. But my time was so tight due to the lecture that I had to leave when 3 weeks had passed. I was pleased to hear that my father at least still had the pleasure of seeing you.11 – My stay in Paris was exhausted almost entirely by business; I learned a lot and made some important acquisitions for the university collection. As we had similar objectives, the stay would have been much more pleasant for me if we had been there together.
I have read with much interest the papers that you have had the kindness to send me through Prof. Poggendorff.12 The Trevelyan experiments13 have got a surprising extension through your investigations. The large work on magnetism and diamagnetism is of far-reaching significance in particular through the exhaustive multiplicity of the considerations and the diversity of the experiments. I have been very much preoccupied with thoughts of you lately, even if I did not write to you sooner, which has its reason in particular in the fact that every letter in which I write about my misfortune always tears the bleeding wound open again anew.
Your sympathetic letter,14 which I have just received, and in which you express your sympathy to me about my grievous loss, even before I mentioned it to you myself, admonishes me to hold back my lines no longer. The letter has moved me most deeply and I thank you with all my heart for it. The sympathy of my friends does me much good.
Often, and especially at this time, I have thought back to the nice time that we had in Marburg, also to the Christmas evenings that we spent together there. – As you will know from Prof. Frankland, good old Marburg was severely hit by typhus this year.15 Prof. Fick’s wife;16 the advocate Schotten;17 Fräulein Weihrauch18 and others have died of it. Fräulein Mathilde Gerling,19 the student Hüter,20 Prof. Kürschner’s wife21 are still ill with it. Thus there is sorrow everywhere.
Farewell; thank you very much for your kind letter and do not forget | your | loyal, deeply stricken friend Herm. Knoblauch
Halle (6. Herkerstrasse)
I ask you to kindly greet all my friends in England.
My father, who was here the past days and returned to Berlin yesterday, sends you his best regards | K.
RI MS JT/1/K/21
Hermann Knoblauch: see letter 1171, note 4.
Tyndall translated the first part of Knoblauch’s letter in his Journal for 2 January 1856 (RI MS JT/2/13c/812-13). The remaining part of the letter is our editorial translation.
in Marburg last: Tyndall moved from Marburg to Berlin on 21 April 1851; Knoblauch moved to the Chair of Physics in the University of Halle in the autumn of 1853.
our poor child: not identified.
another son: name not found, but he was killed during the Franco-Prussian war in 1870.
Schlage: Schlage strictly means a stroke.
my father: Karl Friedrich Knoblauch (1793–1859) who was a silk and ribbon manufacturer in Berlin.
Tyndall’s translation ends here. The rest is an editorial translation.
in Paris this summer: Knoblauch was referring to the 1855 Exposition Universelle in Paris where Tyndall had been a Juror.
Duboscq’s portrait: Probably a photograph of Tyndall taken by Jules Dubosq. The photograph has not been traced.
my father … pleasure of seeing you: Tyndall failed to record this meeting in his Journal.
Poggendorff: see letter 1084, note 2. Tyndall had probably sent offprints of his Bakerian Lecture as well as the papers published in Phil. Mag. during 1855.
Trevelyan experiments: Tyndall had been introduced to ‘Trevelyan’s rocker’ by Knoblauch in Berlin in August 1853 and experiments at the RI on the sounds produced by heated crystals had led to the paper read to the Royal Society on 26 January 1854. See letter 1142, n. 11. For Trevelyan’s rocker see, Ira M. Freeman, ‘What is Trevelyan’s rocker?’ Physics Teacher, 12 (1974), p. 382.
Your sympathetic letter: letter missing.
typhus this year: Nervenfieber was the medieval German term for typhus, a bacterial disease that was endemic in Europe during the nineteenth century. The bacteria were spread by lice and fleas and caused high fever and delirium. The Marburg epidemic lasted from October to December 1855 and caused 110 deaths in the town.
Prof. Fick’s wife: The wife of Adolf Fick (Frankland’s brother-in-law) was born Emilie von Cölln (1829– 1901).
the advocate Schotten: Karl Schlotten (1821–55).
Fräulein Weihrauch: Knoblauch’s misspelling of Mathilde Wilhelmine Amoene Weyrauch (1829–7 November 1855), the daughter of Kaspar Weyrausch (1798–1860), the headmaster of the Knabenschule (primary school) in Marburg.
Fräulein Mathilde Gerling: probably an unmarried sister of Professor Gerling’s.
the student Hüter: not identified.
Prof. Kürschner’s wife: neither Professor Kürschner nor his wife has been identified.
Please cite as “Tyndall1180,” in Ɛpsilon: The John Tyndall Collection accessed on