Tübingen | 18 Febr. 1864
Hochgehrter Herr!
Sie haben mir durch Ihr freundliches Schreiben vom 3 Febr. eine grosse Freude gemacht. Dass Sie sich die Mühe genommen haben, meine Notizen über das Eis in das philos. Magazine zu befördern, ist fast zu viel Ehre. Die classische Arbeit von Hopkins über die Bewegung der Gletscher habe ich unterdessen auch mit grosser Freude gelesen & es ist meine Sehnsucht, auch einmal einen Gletscher in der Nähe zu sehen, durch Ihr köstliches Buch „on heat“ u. durch jenen Aufsatz sehr gesteigert werden. Eine sehr zahlreiche Familie & die Sorge für dieselbe hat mir bisher nicht erlaubt, grössere Reisen anders als mit Staatsunterstützung zu machen; diesen Herbst aber gehe ich sicher wenigstens in’s Berner Oberland.
Was ich zur Ehre meines Freundes Dr Mayer gethan habe ist gering im Vergleich mit dem, was Sie gethan haben. Mayer ist auf meinen Antrag Ehrendoctor der hiesigem philos. Facultät geworden, ebenso ist er einer der ersten Ehrendoctoren der im verflossenen Jahre hier neugegründeten naturwissenschaftlichen Facultät.
Ihr Buch war für mich die Veranlassung die Versuche mit der „singenden Flammen“ anzustellen, & ich glaube Einiges gefunden zu haben, was auch Ihres Interesses nicht ganz unwürdig sein dürfte.
Der Wheatstoneʼsche verticale, um eine vertikale Achse rotierende Spiegel, ist zur Beobachtung der schwingenden Flamme nicht ganz geeignet. Bei der Geschwindigkeit die man ihm geben muss, um einen continuirlichen Lichteindruck zu erhalten, wird das Bild der schwachen flamme so sehr in die Breite gezogen, dass die lichtschwachen Partien verschwinden. Ich verbinde den Spiegel mit einer horizontalen Ache, mit welcher die Normale des Spiegels einen kleinen Winkel von 5-7° macht. Das nahe beim Spiegel befindliche Auge übersieht dann die ellipsenartige Bahn, welche das Bild der Flamme zu durchlaufen scheint. Die singende
Flamme giebt eine gezakte Krone von grosser Schönheit. Die Zacken sind einseitig, auf einer Seite langsam ansteigend, auf der anderen steil abfallend, was wahrscheinlich dem Momente der Explosion entspricht. Natürlich sind nur die horiz. Partien A,B des Bilds zur Beobachtung geeigent.
Ein Erlöschen der Flamme ist weder bei Anwendung von metallenen noch gläsernen Brennern zu beobachten, bei den letzteren also, (mit denen ich am liebsten operiere, weil man sie in jedem Augenblick am Blastisch von jeder Länge & Weite machen kann) ist die blaue Minimumsordinate grösser als bei den metallenen Brennern.
NB. Die Krone lässt sich auch auf einen Schirm projicieren. – Die Geschwindigkeit des Spiegels braucht nur mässig gut zu sein. Räderwerk ist zu vermeiden, weil dessen Geschnarr die Flamme stört.
Seit einiger Zeit kommen Patentbrenner von Richard Meyn (verfertigt von Lorenzen & von Waldau in Altona) in den Handel. Diese Brenner haben oben ein eisernes Netz, und unten
eine Vorrichtung zur Regulierung des Luftzugs. Reducirt man den Gaszufluss immer mehr, so kommt ein Moment, wo ein im Innern der Flamme befindlicher blauer Saum immer mehr herabsteigt & endlich das Netz N berührt. Von diesen Augenblick schwingt die Flamme & ein grünliches Licht füllt den ringförmigen Raum GG. Durch Regulieren des Zuflusses von Gas & Luft lässt sich das Tempo der Vibrationen in mannigfaltigster Weise verändern.
Hält man einen resonierenden Körper in die Nähe der Flamme, so bemerkt man, wie sich dieselbe mit dem Tone des Körpers in Harmonie zu setzen sucht. Ein 6-8′ langes Rohr über den Brenner geschoben giebt mit Leichtigkeit seinen tiefsten Ton. Dabei kommt aber häufig das Netz in’s Glühen & die Flamme schlägt durch dasselbst, wenn die Maschen zu weit sind. – Ich habe zu diesen Versuchen einen besonderen Brenner construiert, dessen Anordnung die seitliche Skizze zeigt; bei O sind 6 Oeffunungen die durch Drehen des Rohrs R in beliebiger Weise reguliert werden können. Das Netz N wird sehr leicht in die gewölbte Form dadurch gebracht, dass man ein rundgeschnittenes ausgeglühtes Stück von ebenem Netz mit einer Holzform in ein Rohr drückt das oben etwas ausgeweitet ist. Das Netz hält doch Reibung & Federung im Rohr R.
Die Stellung des Netzes N gegen die obere Oeffnung ist von grossem Einfluss auf das Tempo. Je tiefer N um so langsamer die Schwingungen; am zuweckmässigsten scheint eine Tiefe des Netzes von 10-15 millim.
Später habe ich auf das Rohr R mittels eines Korks KK ein Glasrohr gesetzt & das Netz in letzterem angebracht. Die schon oben beim Meyn’schen Brenner bezeichneten Erscheinungen, lassen sich hier noch viel schöner beobachten. Der ganze Raum über dem Netz erfüllt sich bei jeder Explosion mit dem schönsten grünen Licht, zugleich zeigen sich bei gehöriger Tiefe des Netzes & reducirtem Gaszufluss merkwürdige Intermittenzen, die schwer zu beschreiben sind, die Sie aber alle mit grosser Leichtigkeit bei Anstellung des Versuchs herausfinden werden. – Es habe diese Erscheinungen, in Dunkeln angestellt, etwas Zauberhaftes.
Sie müssen mir versprechen, diese Versuche zu wiederholen, da ich überzeugt bin, dass sie Ihnen viel Vergnügen machen werden. Ich selber werde so bald nicht dazu kommen, etwas darüber zu publiciren, da mich eine Arbeit über den Agat, wozu ich alle Präparate selber schliefen musste, vor Allem fertig bringen möchte. Das oben Mitgetheilte stelle ich daher vollkommen zu Ihrer Verfügung. Manches davon ist vielleicht von Anderen schon beobachtet worden & auch ich bin mehr durch Zufall als systemat. Agieren darauf geführt worden.
Darf ich Sie bitten, den Herren Story Maskelyne & Becker bei Elliot br. freundliche Grüsse zu sagen?
Mit aller Hochachtung | Ihr ergebenster | E. Reusch
Tűbingen | 18 Febr. 1864
Dear honoured Sir!
You have given me great pleasure with your letter of 3 Febr.1 It is almost too great an honour that you took the trouble to convey my notes on ice2 to the philos. Magazine. In the meantime I have read the classic work of Hopkins3 on the motion of glaciers with great pleasure, & my yearning to finally see a glacier up close, has been greatly increased by your delightful book “on heat”4 and through that essay. A very sizable family & responsibility for it has prevented me from making longer journeys without state support; this autumn I will certainly at least get to the Bernese Oberland.5
What I have done to honour my friend Dr Mayer is little in comparison to what you have done. Mayer was made honorary doctor at the local philos. faculty at my proposal. He is in addition one of the first honorary doctors of the new faculty of sciences, which was founded in the past year.
Your book inspired me to conduct experiments on the “singing flame”, & I believe I have made findings that could be not entirely unworthy of your interest.
The Wheatstonian vertical, a mirror that rotates around a vertical axis, is not perfectly suited for the observation of the singing flame. At the velocity that it must reach to achieve a continuous light effect, the image of the weak flame is distorted so much in width, that the parts with weak luminosity disappear. I connect the mirror to a horizontal axis, which makes a small angle of 5-7° with the perpendicular of the mirror. The eye that is close to the mirror does not see the ellipse-shaped orbit that seems to pass through the image of the flame. The singing flame exhibits a serrated crown of great beauty.
The spikes rise slowly on one side, fall sharply on the other, which probably corresponds to the moment of the explosion. Naturally only the horiz. parts A,B. of the image lend themselves to observation.
It has not been observed that the flame extinguishes using either metal or gas burners. With the latter though (which I prefer to use, because they can be made at any moment at the blowing table in any length or breadth), the blue of the minimum ordinate is greater than with the metal burners. [“Heat” p. 277]6
NB The crown can also be projected onto a screen.—The speed of the mirror only needs be moderately good. Avoid wheelworks, because their vibrations disturb the flame.
Patent burners from Richard Meyn7 have been for sale for some time (manufactured by Lorenzen & von Waldau in Altona8). These burners have an iron mesh on top and below a devise for regulating airflow.
If one reduces the flow of gas more and more, a moment arrives when the blue seam that is inside the flame descends & finally touches mesh N. From this moment onward, the flame swings & a green light fills the ring-shaped space GG. By regulating the flow of gas and air, the tempo of vibrations can be modified in the most various ways.
If you hold a resonating body near the flame, you will notice that it tries to set itself into harmony with the tones of this body. A 6-8ʹ long tube shoved over the burner easily gives its deepest tone. In the process the mesh often begins to glow & the flame licks through it, when the weave is too wide.—I have constructed a special burner for these experiments, the arrangement of which is shown in the side sketch;
At O are 6 openings that can be regulated in any way by turning the tube R. Mesh N can easily be brought into the arched form, if you cut a round, tempered piece of the mesh and press it with a wood mould in a tube that is somewhat enlarged on top. The mesh holds through friction & suspension in tube R. The position of mesh N against the upper opening has a great influence on the tempo. The deeper N is, the slower the oscillations; most advantageous seems to be a mesh depth 10-15millim.
Later I placed a glass tube on tube R by means of cork KK, and set the mesh into the former. The phenomena that I described above with the Meyn burner, can be observed even better here. With every explosion the entire space over the mesh is filled with the most beautiful green light, at the same time, with proper mesh depth & reduced gas flow peculiar intermittencies, which are difficult to describe, exhibit themselves, as you will easily find when you conduct the experiment.—Performed in darkness, these phenomena have something magical.
You must promise me to repeat these experiments, since I am convinced that you will find them very entertaining. I will not have the opportunity in the near future to publish on them, because I want above all to finish a paper about agate for which I had to grind all preparations myself. I place this communication completely at your disposal. Some of it may already have been observed by others & I was led to it more by accident than by systemat. action.
May I request that you pass my friendly greetings on to Messrs Story Maskelyne9 & Becker10 by Elliot br.11?
With great respect | yours truly | E. Reusch
RI MS JT/1/R/17
your letter of 3 Febr.: letter missing.
my notes on ice: see letter 2071.
classic work of Hopkins: W., ‘On the Theory of the Motion of Glaciers’, Phil. Trans., 152 (1862), pp. 677–745.
“on heat”: Heat as a Mode of Motion, p. 277.
Bernese Oberland: the geographically higher region of the Swiss canton of Bern.
In margin: ‘Heat p. 277.’, a reference to Tyndall’s Heat as a Mode of Motion. A vertical line indicates that the note is a reference to this passage in the letter.
Richard Meyn: not identified; possibly Carsten Richard Meyn or Johann Christian Carsten Meyn, both who are listed in the Chronological Index of Patents Applied for and Patents Granted for 1862 and 1863, respectively.
Lorenzen & von Waldau in Altona: not identified.
Story Maskelyne: Nevil-Story-Maskelyne (1823–1911), an English geologist and mineralogist who was Keeper of Minerals at the British Museum from 1857–80 (ODNB).
Becker: Ernst Becker.
Elliot br.: Elliot Brothers was a British scientific instrument maker, founded by William Elliot (1780/1–1853) and run by his two sons from 1857 forward (ODNB). The company served many prominent academics such as Maxwell, Wheatstone, and Lord Rayleigh. Most of their products included galvanometers and batteries, though their later products were for avionics. See H. R. Bristow, ‘Elliott, instrument makers of London: Products, customers and development in the 19th century’, Bulletin of the Scientific Instrument Society, 36 (1993), pp. 8–11.
Please cite as “Tyndall2073,” in Ɛpsilon: The John Tyndall Collection accessed on