To Christian Ehrenberg   15 July 1870

Melbourne im botan. Garten,

am 15 Juli 1870.

 

Aufs Angenehmste wurde ich überrascht, edler Herr, wie mir die letzte Monatspost die beiden Briefe brachte, durch welche Sie mich so unerwartet ermuthigen u. ehren. Zwar galt ein Theil Ihrer Briefe dem Herrn Dr Neumayer, u ebenso war die bevorstehende Reise dieses Gelehrten die nächste Ursache Ihrer Zuschriften; aber dennoch leuchtet Ihre Güte auch ja mir entgegen, dem Entfernten, der so wenig Ansprüche an Ihre Huld hat. Ihr freundlicher Zuspruch hat um so erhebender mich berührt, als ich Ihnen ja noch für mehrfache Merkmale früherer Güte meinen Dank schuldige.

Durch unsern verehrten Freund Herrn Professor Alexander Braun wird es Ihnen kürzlich bekannt geworden sein, dass das Document, durch welches Ihre geographische Gesellschaft mich bereits im Jahre 1863 so hoch ehrte, mir gänzlich unbekannt bis 1869 in London liegen blieb! Mein gänzliches Schweigen, meine scheinbare Danklosigkeit und dann auch der Mangel eines anerkennenden Hintretens zu Ihnen, edler Herr, werden durch die Erklärung jener auffallenden Verzögerung eine genügende Erklärung gefunden haben.

Nun wieder haben Sie mich durch die Übersendung des Druckes Ihrer geistvollen Rede über den grossen dahingeschiedenen Humboldt geehrt, dem auch ich hier zur Zeit der Todtenfeier im Kreise der Deutschen einen öffentlichen Tribut brachte.

Demnächst bei der Absendung einiger wissenschaftlicher Sammlungen an den Herrn Dr W. Sonder in Hamburg werde ich wenigstens einige Photogramme u. Landschaftsbilder für Ihre gütige Entgegennahme bei fügen.

Dass ich dem Geschick des verlornen preussigen1 Gelehrten, des Dr Leichhardt, nicht abhold geworden bin, wird Ihnen aus mancherlei Nachrichten in den Mittheilungen des grossen Geographen Dr Petermann bekannt geworden sein, namentlich mehr kürzlich aus der Veröffentlichung der Resultate von Forrests Reise. Der Muth ist uns nun Allen gesunken noch irgend einen Begleiter des unglücklichen Leichhardt unter den Lebenden zu finden; aber ich strebe noch immer seine Grabstätte und damit die grosse Ausdehnung u. den vollen Werth seiner letzten Forschungen zu erkunden, damit wenigstens sowe

it die Welt dem armen Dahingesunkenen gerecht werde.

Nun aber, verehrter Herr, lassen Sie mich auf den Hauptgrund Ihres Schreibens zurück kommen, nämlich die beabsichtigte Reise des Dr Neumayer in die antarctischen Breiten für vorbereitende Forschungen um später tief südlich den Transit der Venus zu beobachten. Gewiss ist unsere Generation verpflichtet, die seltne Gelegenheit für gewisse Messungen der Himmelsräume auf das ehrenvollste zu benutzen, kehrt doch die Gelegenheit für diese speciellen Forschungen im ganzen 20ten Jahrhundert nicht wieder u. ist es doch dazu Pflicht unserer Pietät für das vorige Jahrhundert jene Gelegenheit wieder wissenschaftlich zu verwerthen, welche damals Cook in die südlichen Breiten zog und neben den Resultaten seiner besonderen Mission auch zuerst volles Licht auf einen grossen Welttheil warf und denselben zum Besitz einer der höchst stehenden Nationen brachte u der Civilisation aufschloss. Welch eine unerschöpfliche Fülle von Gedanken reiht sich an diese Erinnerung. Welcher Triumph für die Gesellschaft, über welche einst Sir Isaac Newton präsidirte! Welche Segnung entsprang dafür schon Millionen von Menschen in einer neuen u glücklichen Heimath! Wie wurde dadurch der Kreis der wissenschaftlichen Beobachtungen in allen Theilen unseres Strebens für vollendende Vergleiche u Anordnung ausgefüllt! Doch ich will Ihnen gegenüber, edler Mann, nicht in einen Gedankengang eingreifen, der in einem viel freieren u höheren Schwunge sich bewegt als der des Jüngeren, dem Ihr hehrer Name als dem einer der wahrhaft Grossen der Erde aus frühester Jugend leitend vorglänzte, und der durch ein halbes Jahrhundert u damit lange vor meinem Dasein die nie belauschten Wunder des Microcosmos beleuchtete, u so eine neue Welt belebter Formen vor uns aufschloss.

Mit jubelndem Erfolg ist es nun denn der deutschen Wissenschaft gelungen, den Reigen dieser neuen geographischen Bewegungen u physikalischer u cosmischer Forschungen anzuführen, ein Werk in welchem ehe das Jahr 1884 auch in das Meer der Zeit dahingeflossen sein wird, jede gebildete Nation Antheil nehmen wird. Es ist mir namentlich eine freudige Genugthuung, dass ich im Jahre 1857 Einfluss genug besass um manche der Hindernisse wegzuräumen, welche sich dem damals hier unbekannten Neumayer entgegenstellten, um seine glänzende Thätigkeit in diesem Theile der Erde zu entwickeln, u es soll mir zur ganz besondern Freude gereichen, soweit es in meiner Macht liegt, von hier aus das Werk Neumayers zu fördern, da ganz besonders diese neue Aufgabe ganz in dem Elemente des Wissens liegt in dem er sich so glücklich bewegt.

Nun schliesse ich diese Ergehungen mit Ihnen in einer für mich denkwürdigen Stunde mit dem Wunsche, dass Sie über meine Thätigkeit für die Herbeischaffung von Materialien für Ihre eignen Werk unzögernd gebieten mögen. Ich bewundere den jugendlichen Enthusiasmus der Sie, Edler, so frisch erhält, Ihre grossen Arbeiten weiter u weiter zu führen, u lassen Sie mich mit dem Wunsche schliessen, dass Ihnen die Vorsehung wenigstens ein Humboldt's Alter zum weitern Segen der Wissenschaft und zur Freude Ihrer Verehrer vor behalte.

Dankend für die ermuthigende Theilnahme, welche Sie meinen eignen schwachen Bestrebungen zu widmen die Huld haben, bleibe ich in tiefer Ehrerbietung der Ihre

Ferd. von Mueller.

 

Herrn Geheimrath Dove bitte ich meinen freundlichsten Gruss zu entbieten u so Herrn Prof Alex Braun.

 
 
 

Melbourne Botanic Garden,

15 July 1870.

 

I was most pleasantly surprised, noble Sir, when last month's mail brought me your two letters,2 in which you encourage and honour me so unexpectedly. Although part of your letter referred to Dr Neumayer, as also the impending voyage of this scientist was the immediate reason for your communications; nonetheless, your kindness was shining also on me, who is far distant and has so little claim on your favour. Your kind exhortation has touched me in an up-lifting way, all the more so as I still owe you my thanks for repeated tokens of your earlier benevolence.

Through our revered friend, Professor Alexander Braun, you will have been recently informed that the document, by which your Geographical Society honoured me so much already in 1863,3 was left behind in London until 1869, completely without my knowledge! My complete silence, my apparent ingratitude, and then the lack of any communication of acknowledgment to you, noble Sir, should have been adequately explained by that extraordinary delay.

Now you have honoured me again with your transmission of the publication of your enlightened speech on the deceased great Humboldt,4 to whom I, too, offered a public tribute at the time of the memorial celebration in the German circle here5.

Shortly, when next I am sending some scientific collections to Dr W. Sonder in Hamburg, I shall at least add some photographs and scenic views6 for your kind acceptance.

You will have learned from various news items in the Mittheilungen of the great geographer Dr Petermann,7 particularly more recently from the publication of the results of Forrest's expedition,8 that I have not lost interest in the fate of the missing Prussian scientist, Dr Leichhardt. We have all lost hope now to still find one of the unfortunate Leichhardt's companions among the living; but I am still attempting to discover his grave, and with that the complete extent and the full value of his last explorations, so that by and large the world can at least give the poor deceased man his just dues.

But now, esteemed Sir, let me get back to the main reason for your letter, which is Dr Neumayer's intended voyage to the Antarctic latitudes to make preparatory researches for the later observation of the transit of Venus in the far South.9 It is certainly the duty of our generation, to use this rare opportunity honourably for certain measurements of the skies, as an opportunity for these specialised researches will not recur during the whole 20th century. In addition it is a duty of our piety towards the last century to utilize once again the same opportunity, which then drew Cook to the southern latitudes,10 and besides the results of his specific mission he was the first to throw full light on a great continent and made it a possession of one of the greatest nations and opened it up to civilisation. What an immeasurable abundance of thought is attached to this memory! What a triumph for the Society once presided over by Sir Isaac Newton! What a blessing has already sprung from this for millions of people in a new and happy homeland! How much enriched has been the sphere of scientific observations in all parts of our endeavour to complete comparisons and systematic arrangements! But I do not want to intrude into your train of thoughts, noble Sir, that move in much freer and higher orbits than those of the younger man, for whom your eminent name was a guiding light from earliest youth as one of the truly great men of the world, who illuminated the never before known wonders of the micro-cosmos for half a century and thus long before my birth, and so revealed to us a new world of living forms.11

So German science has now prevailed with resounding success to lead the dance of these new geographic movements and physical and cosmic researches, a work in which every civilised nation will take an interest before the year 188412 has also run into the ocean of time. It is of particularly pleasing satisfaction to me, that in the year 1857 I had sufficient influence to remove some of the obstacles, which at the time blocked the way for the then here unknown Neumayer to develop his illustrious career in this part of the world,13 and it shall be my very particular pleasure to support Neumayer's work from here as far as is in my power, as this new task lies specifically in that element of science in which he moves most happily.14

I am now bringing these my outpourings to you during a for me memorable hour to a close with the wish, that you will dispose without hesitation over my labours for the acquisition of materials for your own works. I admire the youthful enthusiasm, noble Sir, that keeps you so fresh to continue on and on with your great works. Permit me to close with the wish, that Providence may grant you at least a Humboldtian age15 for the continuing blessing to science and the joy of your admirers.

Thanking you for your encouraging sympathy, which you graciously bestow on my own weak endeavours, I remain in deep veneration your

Ferd. von Mueller.

 

Please give my kindest regards to Privy Councillor Dove and also to Professor Alex Braun.

preussischen.
Letters not found.
M was made a foreign member of the Geographical Society (Gesellschaft für Erdkunde), Berlin in 1865. See the Gesellschaft für Erdkunde in Berlin to M, 4 November 1865.
Ehrenberg (1870).
See B59.09.02, B59.10.01, B59.10.03.
Presumably a collection of stereoscopic photographs taken in Gippsland, copies of which M had also sent to Petermann. See also M to A. Petermann, 14 July 1871 and M to K. von Waldburg-Zeil, 15 July 1871 (in in this edition as 71-07-15b).
Mittheilungen aus Justus Perthes' Geographischer Anstalt.
Forrest (1870).
Venus was due to make two of its rare transits across the face of the sun in 1874 and 1882. In 1869, Britain's Astronomer Royal, Sir George Airy, pointed out that the best vantage point for viewing these transits would be Antarctica. Neumayer immediately sought support for a preliminary expedition to reconnoitre possible sites for an observing station there. It seemed at first that this would be provided by the Austrian government but in the end it was not, and Neumayer's proposed voyage did not eventuate. See Home et al. (1992).
James Cook's first Pacific voyage, 1768-71, was instigated by the Royal Society of London to observe the previous transit of Venus, in 1769, from Tahiti, and to determine the existence of a southern continent.
Ehrenberg's works on microscopic organisms founded a new branch of science.
1874, the year of the first of the forthcoming transits of Venus?
M was one of the leading contributors to the fund, established by Melbourne's German community in 1857, to help Neumayer establish his proposed geophysical observatory on Flagstaff Hill.
See M to A. Petermann, 22 April 1869, for M's views on another Neumayer proposal.
Humboldt had died in his 90th year.

Please cite as “FVM-70-07-15,” in Correspondence of Ferdinand von Mueller, edited by R.W. Home, Thomas A. Darragh, A.M. Lucas, Sara Maroske, D.M. Sinkora, J.H. Voigt and Monika Wells accessed on 13 August 2022, https://epsilon.ac.uk/view/vonmueller/letters/70-07-15